Geschichte der Langemarkstraße

Mit dieser Seite folgt die Stadt Oberhausen der europaweiten Initiative der belgischen Gemeinde Langemark-Poelkapelle zu einer zeitgemäßen, perspektivenreichen Geschichtskultur. Von der Weimarer Republik zur nationalsozialistischen Herrschaft stand Langemark, Schauplatz einer verlustreichen Schlacht des Ersten Weltkrieges, für die Bewertung eines soldatischen Todes als heldenhaftes Opfer für die Nation. Im Zeitalter der europäischen Versöhnung und Integration wandelte sich Langemark in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Symbol dafür, dass zwischen ehemaligen Kriegsgegnern tiefe Freundschaft wuchs. Dies zeigt uns, wie unterschiedlich und grundlegend Geschichte unsere Erinnerung prägt, aber zugleich, dass jede Generation ihre Gegenwart friedfertig gestalten kann.

Langemarkstraße

Die Namensgebung erinnert an die Schlacht um die gleichnamige Gemeinde in Flandern, Westbelgien, im Ersten Weltkrieg im November 1914, insbesondere an die wechselvolle Geschichte der Erinnerungskultur zur Schlacht im 20. Jahrhundert.

Erster Weltkrieg

Das deutsche Heer verfolgte im Ersten Weltkrieg im August 1914 auf dem westlichen Kriegsschauplatz die Strategie eines schnellen Vormarsches über Belgien, Paris und Zentralfrankreich, um das französische Heer nach Osten abzudrängen und seine Kapitulation am Fuß der Alpen zu erzwingen. Dieser Plan scheiterte in der Marne-Schlacht im September 1914, so dass die Front in Nordfrankreich im Oktober in einen Stellungskrieg überging. Anschließend begann im Westen Belgiens der sogenannte "Wettlauf" deutscher und britischer Truppen "zum Meer", der flandrischen Nordseeküste. Dabei kam es in der Region Ypern im November 1914 zu den schwersten Kämpfen. Im Rahmen dessen fand die verlustreiche Schlacht in der Nähe der Ortschaft Langemark – auf Deutsch Langemarck geschrieben - statt. Auf deutscher Seite kamen in großem Umfang vorrangig aus Kriegsfreiwilligen gebildete Verbände zum Einsatz.

Nationales und nationalistisches Gedenken in Krieg und Weimarer Republik

Schon mit dem Heeresbericht vom 11. November 1914 wurde im Ersten Weltkrieg und später in der Weimarer Republik die Aussage verbreitet, ganze Regimenter seien - als Ausdruck nationaler Opferbereitschaft - das Deutschlandlied singend in die Schlacht gezogen. An dieser Bewertung der Haltung der Soldaten hat die historische Forschung in der Bundesrepublik Zweifel angemeldet. Wahrscheinlich fand eine nationalistisch motivierte Überhöhung der Tatsachen statt, um eine vermeintlich massenhaft gezeigte patriotische Opferbereitschaft der jungen Freiwilligen für die Kriegspropaganda des deutschen Kaiserreiches und in der Weimarer Republik für die Begünstigung einer nationalkonserativen Stimmung in der damaligen deutschen Politik zu nutzen.

Erinnerung in Oberhausen

In Oberhausen wie in vielen anderen Orten Deutschlands griffen Kriegervereine die Deutung der Schlacht um Langemark als Sinnbild von patriotischem Heldenmut und national motivierter Opferbereitschaft der Soldaten auf und führten spätestens seit 1930 im November Veranstaltungen zum Gedenken an die Schlacht durch. Dies geschah vor dem Hintergrund des sich verschärfenden politischen Klimas zwischen den Parteien der äußersten Rechten, der Kommunisten und der demokratischen Parteien.

Gedenkskulpturen
Gedenkskulpturen (Foto: Gedenkhalle Oberhausen)

Straßenbenennung im Nationalsozialismus

Antrag des Grünen Korps auf Straßenbenennung
Antrag des Grünen Korps auf Straßenbenennung vom 26. September 1934 (Foto: Stadtarchiv Oberhausen) 

Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde 1934 von der NSDAP eine reichsweite Kampagne zur Benennung von Straßen oder Plätzen nach Langemar(c)k durchgeführt. Im Zuge dessen fand in Oberhausen auf Antrag des Kriegervereins „Grünes Korps“ im November 1934 zum 20. Jubiläum der Schlacht die Umbenennung der bisherigen Breitestraße  - im Verlauf zwischen der heutigen Hemholtzstraße und dem heutigen Friedensplatz - in "Langemarckstraße" statt.

Ausgewählt wurde damit ein zentraler Ort der Oberhausener Innenstadt, an dem erst 1928 das bedeutendste privatwirtschaftliche Gebäude im repräsentativen Baustil des Backsteinexpressionismus fertiggestellt worden war: das damalige Kaufhaus Tietz und das Ruhrwachthaus, Ort für die Redaktion und die Druckerei der gleichnamigen Zeitung, heute das Bert-Brecht-Haus, Standort von Stadtbibliothek und Volkshochschule. Mit der Gleichschaltung des Zeitungswesens 1933 nutzte die Zeitung "Der Neue Tag" bis 1941 das Ruhrwachthaus.

Die Europabewegung nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich seit 1946 die "Europa-Bewegung" in Westeuropa und erzielte in den 1950er-Jahren große Popularität in der Bevölkerung. Den zeitgenössischen Hintergrund dafür bildete die fortschreitende wirtschaftliche und politische Integration der westeuropäischen Staaten. 1957 begründeten die Pariser Verträge die deutsch-französische Partnerschaft. Ausdruck der zeitgenössischen Bedeutung und Popularität der Europa-Bewegung in Oberhausen wurde die Namensgebung des städtebaulich markanten Geschäfts- und Wohnhauskomplexes an der Südflanke des Friedensplatzes und an der Langemarkstraße als "Europa-Haus".

Neue Erinnerungskultur: Kriegsgedenken als Friedensmahnung

Mit der Entwicklung der Europa-Bewegung zur breiten Unterstützung für die Integration der westeuropäischen Nationen veränderte sich die Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg stark. Fortan wurde der Kriegstoten in Gedenkveranstaltungen der ehemaligen Kriegsgegner gemeinsam gedacht und das Leiden und Sterben der Menschen als Mahnung für die Wichtigkeit des Friedens und der europäischen Völkerverständigung begriffen. Dies stand im deutlichen Gegensatz zur nationalistisch geprägten Gedenkkultur aller kriegführenden Nationen in der Zwischenkriegszeit.

Namenslistung
Namenslistung (Foto: Gedenkhalle Oberhausen)
Gedenktafefl
Gedenktafel (Foto: Gedenkhalle Oberhausen)

Langemark entwickelte sich im Zuge der europäischen Integration nach Verdun in Nordostfrankreich zum am häufigsten besuchten Gedenk- und Trauerort der Schlachten des Ersten Weltkrieges. Hier fanden Angehörige der Toten und internationale Organisationen zusammen, die sich die Mahnung zum Frieden mittels der Erinnerung an die Opfer der Kriege zum Ziel gesetzt hatten. In Deutschland nimmt die "Kriegsgräberfürsorge" diese Aufgabe wahr. Seit den 1950er-Jahren kommen in Langemark Briten, Deutsche und Belgier zum gemeinsamen Gedenken zusammen.

Historische Erkenntnis durch den Wandel von Erinnerung

Die wechselvolle Geschichte der Erinnerungskultur an die Schlacht bei Langemark macht uns anschaulich deutlich, wie stark das politische Denken in verschiedenen politischen Systemen im 20. Jahrhundert Einfluss auf die kollektive Zustimmung zu Nationalismus oder Versöhnung der Nationen genommen hat. Das Beispiel Langemar(c)k verdeutlicht zudem die Bedeutung nationalpolitischer Symbolik, wie sie in der deutschen Schreibweise mit ck zum Ausdruck kam, die in Weimarer Republik und Nationalsozialismus für den patriotischen Heldenmut und Opfertod junger Kriegsfreiwilliger stand, jedoch seit den 1950er-Jahren im öffentlichen Raum zurückgenommen wurde.

Wechselnde Perspektiven und der Vergleich zwischen Denkweisen und Werthaltungen verschiedener Epochen werden in Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik genutzt, um Erkenntnisse zur Geschichte zu gewinnen. So wird verständlich - und sinnstiftend - dass die Bezirksvertretung Alt-Oberhausen im Jahr 2007 mehrheitlich gegen eine Aufgabe des Namens Langemarkstraße gestimmt hat. Hinzu traten pragmatische Wünsche der Anlieger.

Erinnerungskultur der Versöhnung in Langemark

Weitergehende Informationen finden Sie auf der Homepage der Gemeinde Langemark-Poelkapelle. Dort wird eindrucksvoll auf Flämisch, Deutsch und Englisch die Geschichte der Erinnerungskultur nach dem Zweiten Weltkrieg als ein wichtiger Beitrag zur Friedensstiftung und zur Völkerverständigung dargestellt.


Weitere Informationen

Interessierte können im Stadtarchiv Oberhausen einige Zeitungsartikel zur Langemarkstraße einsehen, z. B. einen Artikel zur Benennung der Langemarkstraße im November 1934. Vereinbaren Sie einfach einen Besuch per E-Mail über stadtarchiv@oberhausen.de oder telefonisch unter 0208 3095209-0. Die Öffnungszeiten des Stadtarchivs finden Sie hier

Kontakt

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